Monthly Archives

Dezember 2018

@TPS (Toyota-Produktionsystem)

Just In Time – Verfügbarkeit: Kennzahl für die ziehende Produktion

Wahrscheinlich denken Sie jetzt: „Just-in-Time-Verfügbarkeit? Was soll das denn?“

Ja, ich weiß …
Wer sich mit Kaizen oder LEAN/TPS beschäftigt, hat „Just in Time“ garantiert schon gehört.
Genau, das berühmte JIT. Aber was heißt hier JIT-Verfügbarkeit?

Der deutsche Begriff „Just-in-Time-Verfügbarkeit“stammt von mir.
Sie werden, wenn Sie „JIT-Verfügbarkeit“ oder „JIT-Availability“ googeln, nichts finden. Auf Japanisch heißt die JIT-Verfügbarkeit ‚Bekidôritsu‘ (可働率 oder 可動率).

Es ist eine Kennzahl, die im TPS-Diskurs (TPS = Toyota Produktionssystem) von entscheidender Bedeutung ist.
Seltsamerweise hat sie in der westlichen Toyota-Literatur bisher praktisch keine Beachtung gefunden und ist hierzulande unbekannt.

Bevor ich die „Just-in-Time-Verfügbarkeit“ erkläre, möchte ich kurz die Ausgangssituation schildern.

Das Problem: Fehlteile

Wieder einmal.

Die Montage braucht dringend Teile, die wir intern im eigenen Betrieb produzieren.
Zu allem Unglück verkauft der Vertrieb immer genau die Produkte, deren jeweiligen Einzelteile gerade nicht am Lager sind. (Die haben so eine Art sechsten oder siebten Sinn dafür?)
Und von diesen Teilen gibt es sehr viele Varianten. (Natürlich)

Als wäre das nicht schlimm genug, sind es komplizierte und gänzlich andere Teile. D.h. die jeweiligen Rüstzeiten sind lang und immer sind die Futter, Backen, Spannplatten, Spannmittel und Werkzeuge zu wechseln, und viel zu messen und justieren.

Es ist nicht einfach, diese momentan fehlenden und bald benötigten Teile „mal ganz schnell“ „nur soviel man braucht“ zu produzieren.

Wie sollen wir unsere Bearbeitungsprozesse steuern, messen und beurteilen, damit sich die interne Teilefertigung künftig so entwickelt, dass wir die benötigten Teile stets liefertreu verfügbar haben, ohne dabei allzu große Bestände aufzubauen.

Hier kommt die Just-in-Time-Verfügbarkeit ins Spiel

Mit der JIT-Verfügbarkeit misst man ob ein vorgelagerter Prozess die vom nachgelagerten Prozess benötigten Teilen so liefert wie dieser es benötigt. Also ziehende Produktion.

Die entscheidende Voraussetzung zur ziehenden Produktion lautet: Keine Fehlteile.
Wer an dieser Voraussetzung scheitert – also häufig unter Fehlteilen leidet, kann nicht ziehend fertigen und wird automatisch immer wieder in die drückende Fertigung zurückfallen.

Es ist dabei völlig uninteressant, ob ich Teile für die Produktion in der nächsten Woche habe.
Wenn ich gewisse Teile hier und jetzt brauche, sie aber nicht da sind, habe ich ein ernsthaftes Problem. 

Nun, wie beurteilen typischerweise die Unternehmen ihre Teile-Produktion?
Welche Kennzahlen haben wir da?

Wenn Sie jetzt „Anlagen-Verfügbarkeit“ denken, sage ich jetzt schon vorweg: Sie liegen falsch.

Wenn Sie „OEE“ denken: Sorry, ebenfalls falsch.

Diese beiden Kennzahlen sind, wenn richtig eingesetzt durchaus sinnvoll und wichtig.
Aber sie helfen überhaupt nicht weiter im Hinblick auf ziehende Produktion und leider auch nicht im Hinblick auf „ich will keine Fehlteile“ durch meine interne Produktion.

Wie die beiden Kennzahlen „Anlagen -Verfügbarkeit“ und „JIT-Verfügbarkeit“ definiert sind, steht unten:

<Kennzahl 1: Anlagen-Verfügbarkeit >

Sie betrachten, wie lange die Anlagen zur Produktion verfügbar waren in Relation zur verplanten Produktionszeit.

Ich nenne diese ursprünglich zur Produktion verplante Zeit „Auftragsbelegungszeit“; also die Zeitdauer während der die Anlage/Maschine mit bestimmten Produktionsaufträgen „belegt“ ist.

In den meisten Unternehmen gibt es aber gar keine verbindliche „Auftragsbelegungszeit“ mit definierten Produktionsaufträgen, sondern nur eine Auftragsvorschau innerhalb der sie den nächsten Auftrag „(rüst-)optimal“ auswählen können.

Eventuell gibt es noch einige „ganz wichtig“-Aufträge, die der Maschinenbediener unbedingt heute noch produzieren muss, am besten als erstes.

Dadurch wird aber die „Auftragsbelegungszeit“ zu einer „Maschinenauslastungszeit“.

Das führt zu folgenden Verfügbarkeitsformeln
 (A= Anlagenverfügbarkeit, kommt von „Availability“):

oder,

Die Anlagen-Verfügbarkeit hilft uns aber überhaupt nicht dabei, unser Fehlteil-Problem zu lösen.

Sie sagt lediglich, dass

  1. Maschinen/Anlagen gut beschäftigt sind (wir sprechen hier von „ausgelastet“),
    und
  2. die Teile (welche auch immer) produziert werden und zwar in großen Losen (ansonsten leidet meine Verfügbarkeit aufgrund des zunehmend schlechter werdenden Rüstgrades).

Ergebnis:
Die Lager-Bestände wachsen und binden immer mehr Kapital, aber Fehlteile gibt‘s nach wie vor.

<Kennzahl 2: JIT-Verfügbarkeit >

Jetzt kommen wir zur JIT-Verfügbarkeit (AJIT).

Die JIT-Verfügbarkeit setzt die Produktionswichtig- bzw. Dringlichkeit der zu fertigenden Teile mit der Anlagen-Verfügbarkeit in Beziehung.
Es ist beispielsweise relativ einfach eine hohe Verfügbarkeit hinzubekommen, wenn man unwichtige Teile sprich nicht dringende Teile produziert. 

Die Kunst ist es aber, nur die momentan notwendigen Teile zu produzieren (das ist Prio 1) und dabei die Verfügbarkeit hoch zu halten (Prio 2).
Wir sehen also, dass die Unternehmen, die die Anlagenverfügbarkeit ihrer Teileproduktion messen, primär das falsche Ziel verfolgen.

Diese JIT-Verfügbarkeit gehört damit eigentlich in den Produktionsalltag von Unternehmen, die variantenreiche Produkte in hoher Fertigungstiefe herstellen, und versuchen eine ziehende Produktion bei sich zu leben.

Der Unterschied zwischen den beiden Kennzahlen A und AJITist gigantisch.
Man kann mit extrem guter Verfügbarkeit am Bedarf des internen Kunden vorbei produzieren.
Dabei hilft es auch nichts, wenn man statt der Verfügbarkeit die OEE misst.
Denn die OEE ist im Hinblick auf die Frage: „Produziere ich gerade liefertreu für meinen Kunden?“ genauso blind wie die Verfügbarkeit.

Anm. :
Die entsprechenden Seiten über die OEE sind aus meinem Buch “Die TPM-Fibel” zum Download bereitgestellt. Dazu klicken Sie bitte hier und tragen sich in das Formular ein. Sie bekommen dann einen Downloadlink per Mail.

Warum soll ich die JIT-Verfügbarkeit messen?

Jetzt kommen wir zum Sinn und Zweck der JIT-Verfügbarkeit.

Die JIT-Verfügbarkeit erzieht die vorgelagerten Prozesse Just in Time zu produzieren.
Wie bereits geschrieben, ist das eine entscheidende Voraussetzung zur ziehenden Fertigung.

Eine JIT-Verfügbarkeit von unter 85%  bedeutet:

  1. es kollabiert jeder Versuch einer ziehenden Fertigung
  2. es explodieren die Bestände
  3. unsere Lieferzeiten sind extrem lang oder die Liefertreue sehr schlecht.

Alle Drei sind unvorteilhaft.

Eine hohe JIT-Verfügbarkeit führt zu einer hohen Reihenfolge- und Planungsstabilität.
Hier liegt der wahrhaft enorme Nutzen dieser Kennzahl.

Betrachten wir uns die Hersteller, die mit langer Auftragsvorschau produzieren.
Häufig ist deren Tagesgeschäft ein einziges Umplanen und Jonglieren. Sprich, es wird dort völlig ineffizient produziert!
Zudem kommt es dabei nicht selten zu Ausreißern in der Liefertreue.

Vermutlich werden Sie dieser Aussage widersprechen wollen.
„So schlecht ist das Wochenlos doch auch wieder nicht.“ – werden Sie meinen.

Die wahre Ineffizienz solcher Unternehmen liegt aber gar nicht direkt in der Fertigung;
sondern in der kompletten Blindleistung ihrer Planungsabteilungen.

Wie ist das zu verstehen?

Gerade die besten Mitarbeiter – auch in der Produktion – übernehmen mehr und mehr Planungs- und Managementaufgaben, das ist deren Aufstieg auf der Karriereleiter. Schleichend, fast wie einem Naturgesetz folgend, werden daher die Planungs- und Führungsstellen immer mehr.
Aber was machen diese Leute in Wirklichkeit? – Umplanen.
Ständiges Umplanen von Planungen, die nicht eintreffen.

Das ist nichts als Blindleistung.
Das ist nicht nur hochgradig ineffizient, sondern verlangt zwangsläufig noch mehr Planer.

Die Sache spitzt sich ja sogar noch zu: schlechte Planung ist der Vorbote von schlechter Liefertreue.

Schlechte, unvollständige, oder nicht vorhandene Planung ist immer die sichere Voraussetzung für schlechte Liefertreue.
Und jetzt wird es übel, denn ab jetzt verursachen wir Kundenprobleme und machen damit Kundenprobleme zu unseren Problemen.

Deswegen sind von uns verursachte Kundenprobleme die schlimmsten Unternehmensprobleme, die es gibt. Deren Lösung erhält zwangsläufig die höchste Priorität, um den Kunden nicht zu vergraulen oder gar Rechtsstreitigkeiten vorzubeugen.
Häufig werden solche Probleme dadurch gelöst, dass man dem Kunden höherwertige Ware zum gleichen Preis anbietet, nur weil wir diese noch ab Lager haben.

Und das erzeugt wiederum Chaos auf anderer Ebene und so weiter. (Chaos-Infiniti)

Eines ist dabei aber immer auffällig:
Ist die Lieferperformance schlecht, steckt das Unternehmen in der Regel sehr bald in einer Rentabilitäts- und anschließend auch noch einer Liquiditätskrise.

Oder: Auch mit vollen Auftragsbüchern kann ein Unternehmen Pleite gehen!

Die JIT-Verfügbarkeit zeigt unsere wahre Teile-Verfügbarkeits-Performance und zwingt unsere Teilefertigung, die Teile so zu produzieren, wie unsere Kunden es benötigen anstatt wie wir es am liebsten hätten.

Wie können wir diese JIT-Verfügbarkeit verbessern?

Rüsten optimieren

In kleinen Losen produzieren, bedeutet häufiges Rüsten.

Ich kenne viele Unternehmen, die von sich sagen, dass es praktisch keine wiederkehrenden Rüstvorgänge gibt.
Das ist richtig.
Denn sie produzieren große Lose völlig unkoordiniert, und dadurch gibt es beim Rüsten weder Konstanz noch Wiederholungen.

Leider kann man nicht wiederkehrende Prozesse nicht optimieren.
Oder, wer nicht wiederkehrend Prozesse optimiert, ist töricht.

Deswegen müssen wir zunächst für Wiederkehr, sprich Wiederholungen sorgen.
Dann die wiederholenden Prozesse drastisch verkürzen (Optimierung/Kaizen).
So macht SMED wieder Sinn.

Wer sich mit der JIT-Verfügbarkeit intensiver auseinandersetzt, stößt aber auf ein großes Problem:
Die Schwierigkeit der JIT-Verfügbarkeit liegt im betrachteten Zeitfenster.

Dieses Zeitfenster wird zum Definitionsbereich der AJIT-Formel. Innerhalb dieses eng gesteckten Zeitfensters können wir die Produktionsreihenfolge für uns optimal gestalten, aber Aufträge aus der Zukunft zusammenklauben geht nicht! Das macht aus einer Losfertigung eine „Batch-Produktion“, und das bedeutet eine qualitative Verschlechterung des Produktionssystems.

Für welches Zeitfenster gilt die Vorgabe der JIT-Verfügbarkeit, nämlich was der nachgelagerte Prozess geordert hat, muss ich jetzt produzieren?
Ist dieses Zeitfenster der JIT-Verfügbarkeitsformel 1 Stunde, 1 Minute, 1 Tag oder 1 Woche?

Grundsätzlich lautet die Antwort auf diese Frage:
Die Anzahl der Zyklen in ihrem ziehenden Produktionssystem gibt Ihnen das Zeitfenster zur Messung der JIT-Verfügbarkeit vor.
Wenn Sie z.B. in 32 Zyklen pro Tag produzieren ist dieses Zeitfenster der JIT-Verfügbarkeit nur noch 15 Minuten; wenn Sie in einem Zyklus pro Tag produzieren 8 Stunden, läuft das Unternehmen im 1-Schicht-Betrieb wie im Beispiel oben sogar 1 Tag.

Es kann auch sein, dass die Reichweite des Supermarkts dieses Zeitfenster definiert, in diesem Fall gilt aber Vorsicht.

Ein weiterer ganz großer Nutzen der JIT-Verfügbarkeit ist:
Sie erzieht uns dazu, unser tägliches Produktionsziel täglich zu leisten..
Bei solchen Unternehmen gibt es interessanterweise zum Monatsende keine unangenehmen Überraschungen bzgl. der Umsatzzahlen und auch der berühmte Monatsendeffekt, dass in der letzten Woche des Monats genauso viel Umsatz geschafft wird, wie in den 3 Wochen zuvor, verschwindet ebenfalls.

Fazit

Die JIT-Verfügbarkeit macht uns deutlich, wie die Gesamt-Performance der Produktion, das Zusammenspiel zwischen vor- und nachgelagerten Prozessen (interne Lieferanten) zu bewerten ist.

  • Eine schlechte JIT-Verfübarkeit zeigt uns, wo die Hebel liegen, unsere Produktionsweise zu verbessern, etwa durch bessere Planung, SMED, usw.
  • Eine gute JIT-Verfügbarkeit zeigt, dass wir die Liefertreue halten und lässt uns künftig höhere Unternehmensziele anstreben, z.B. die Zyklen verdoppeln.

Wie jede Kennzahl ist die JIT-Verfügbarkeit nur ein Mittel zum Zweck.
Die richtigen Maßnahmen müssen eingeleitet und umgesetzt werden.
Die Aufgabe von Kennzahlen ist es, uns erkennen zu lassen, wo wir stehen und welches Problem wir haben. Kennzahlen ermöglichen uns die richtigen Maßnahmen zu erarbeiten und initiieren.
Ich hoffe, dass dieser Blog Ihnen Anreiz gibt, Ihr Unternehmen sachlich-objektiv zu messen, um es noch erfolgreicher zu machen.

Just-in-Time-Verfügbarkeit
Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing
Share on email

Blog teilen