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Fehlteile – ein Alptraum für jeden Produktioner [Teil 1]

Blog Fehlteile-Teil 1

Fehlteile kommen immer wieder und zwar so sicher wie Weihnachten.
Nur sind sie weniger erfreulich. Dafür aber viel häufiger. Das ist genau das Problem.

Nicht alle Fehlteile sind gleich Fehlteile

Hier sind einige Fehlteil-Typen:

Typ 1: Echtes FehlteilIch bin nicht da“.
Das Teil fehlt sowohl physisch im Werk und ist auch virtuell im ERP-/MRP-System auf Bestand 0 gesetzt.

Typ 2: Unechtes FehlteilIch bin ins schwarze Loch gefallen“.
Das Teil ist zwar physisch im Werk vorhanden und auch virtuell im ERP-/MRP-System. Es ist aber trotzdem unauffindbar.

Typ 3: Pseudo-FehlteilOffiziell bin ich nicht da“.
Das Teil ist zwar physisch im Werk vorhanden. Nur laut ERP-/MRP-System ist es ein Fehlteil. Wenn man sich im Lager oder mit den Schwarzbeständen auskennt, findet man das Teil eventuell mit Glück. (Oder man muss sich mit den richtigen Kollegen verstehen.)

Typ 4: Kein FehlteilIch bin für dich nicht das Richtige“.
Das Teil ist zwar vorhanden, hat aber eine falsche Spezifikation oder ist NIO. Es passt einfach nicht und lässt sich dadurch nicht montieren/verbauen.

Nochmals zusammengefasst:

Fehlteil_Tabelle

Obige Fehlteil-Typen sind zwar häufig aber längst nicht vollständig.
Einige abweichende Typen davon sind z.B.:

– Altes Material ist durch Korrosion usw. schlecht geworden.
– Das Teil kann nach einer geringfügigen Nacharbeit doch verwendet werden.
– Um den aktuellen Auftrag fertigzustellen, verwendet man Teile, die eigentlich für einen anderen Auftrag reserviert sind. (Und schafft so künftig neue Fehlteile)
– das Teil ist zwar bereits in der Warenannahme, ist aber noch nicht freigegeben oder gesperrt.
– usw.

Solche Fälle sind typische Mischformen von Fehlteilen, die wir auch sehr häufig antreffen.

Wie gehen wir mit Fehlteilen um?

Fehlteile sind unschön (und sehr teuer). Da sind wir uns einig.
Darum versucht man mit verschiedenen Ansätzen, Fehlteile zu vermeiden. Oder wenigsten so mit ihnen umzugehen, dass sie (vermeintlich) nicht so schmerzen.

Einige Beispiele:

Versuch #1: Lagerbestände erhöhen
Häufig werden zur Vermeidung von Fehlteilen die Bestände im Lager aufgestockt.
Das ist zwar keine elegant Art, aber immer noch besser als nicht produzieren können. Dennoch ist es unschön, weil es Platz benötigt und zusätzliches Kapital bindet.
Bei Toyota würde man sagen: „Das treibt die Kosten in die Höhe“. Obwohl wir an der Hochschule lernen, dass Kosten erst entstehen, wenn Material aus dem Lager verbraucht wird. Kosten entstehen erst in dem Moment in dem Produktionsfaktoren verzehrt werden. (Weitere Ausführungen über die Diskussion, ob Lagerbestände Kosten oder „nur“ Vermögen seien, ist vielleicht Thema eines künftigen Blogs).

Schwank aus dem wahren Leben:
Es gibt ein Unternehmen in dem der physische Bestand eines A-Bauteils höher war als der im ERP-System. Durch das Verschrotten einiger guter und auch sehr teurer Teile gelang es, sowohl den physischen als auch den virtuellen Systembestand wieder in Einklang zu bringen (O-Ton: „Bestandharmonisierung“).
Da fragt man sich: Ist das „Production first“ oder „System first“?

Versuch #2: Starte keinen Auftrag, solange er Fehlteile hat
Klingt in der Theorie sehr vernünftig. Das scheitert aber meistens daran, dass auch die Liefertermine für die Produkte, für die es Fehlteile gibt, unbarmherzig näher rücken. (schwitz…)

Versuch #3: Kamban (FYI: Das ist kein Tippfehler von „Kanban“)
Wird Kamban richtig geführt, kann es theoretisch keine Fehlteile geben.
„Theoretisch“ gesehen, ja. Leider sind die Voraussetzungen von Kamban alles andere als einfach zu erfüllen! Hier liegt genau die Schwierigkeit.

Kamban-Versorgung verlangt: 
  1) Einkauf nach dem Bestellrhythmus-Verfahren und
  2) nivellierte Produktion.
Diese Voraussetzungen findet man aber in den wenigsten Unternehmen. Das Ergebnis davon ist, dass die Wiederbeschaffungszeit von Kamban-Teilen (es ist dabei egal, ob es sich um fremdbeschaffte oder selbstgefertigte Teile handelt) länger als 3 Tage dauert. In so einen Fall kann man nicht mehr von einer Kamban-Versorgung sprechen – ich nenne das „Kamban-Kartenspiel“. Und natürlich gibt es dann auch wieder Fehlteile. 

Genauso wie es noch weitere Fehlteil-Typen gibt, gibt es auch noch viele weitere Verfahrens- oder Vorgehensweisen. Man versucht damit Fehlteilen vorzubeugen oder mit ihnen irgendwie umzugehen.

Warum funktioniert es so schlecht, Fehlteile zu vermeiden?

Betrachten wir obigen Versuch #1 „Lagerbestände erhöhen“.

Es gibt ein witziges Phänomen, eigentlich ein Naturgesetz:

Je höher die Bestände, desto höher auch die Fehlteilbestände.

Warum ist das so? Das liegt eigentlich auf der Hand.

Je größer meine Lagerbestände, desto größer auch meine Lagerverwaltung und umso höher mein Lagerplatzbedarf. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwelche Bestandsdifferenzen zwischen Physis und ERP-/MRP-Virtualität entstehen umso größer.
Das Endergebnis davon sind immer irgendwann Fehlteile.

Außerdem, je größer der Lagerbestand, umso geringer der Lagerumschlag und damit umso mehr verdorbene und obsolete Teile.
Das Ende vom Lied ist das Gesetz der Proportionalität von Beständen und Fehlteilbeständen.

Felteile!

Sind Fehlteile wirklich ein „Alptraum“?

Fehlteile sind zwar sehr unschön und geradezu ein Alptraum für die Produktion und das Unternehmen. Aber wenn wir uns dieser Probleme, die zu Fehlteilen führen, wirklich annehmen, ist es auch eine Riesenchance. Denn Fehlteile offenbaren uns grundsätzliche und systematische Fehler und Probleme in unserer Materialwirtschaft, Produktion und Supplychain. Also: Nicht darüber hinwegschauen und irgendwie geradebiegen!

Leider gibt es keine eine Patentantwort auf diese Probleme mit Fehlteilen.
Genauso mannigfaltig wie die Entstehungsmechanismen von Fehlteilen sind, müssen auch die Antworten, wie wir diesen Fehlteilen vorbeugen wollen, mannigfaltig sein. Und es würde diesen Blog sprengen auf alle Fehlteil-Probleme und -Typen Antworten zu geben.

Aber für eine sehr häufige – wenn nicht sogar die häufigste – Teilmenge eines Fehlteil-Typs, nämlich Typ 1 (echte Fehlteile, die wir fremdbeziehen) möchte ich im nächsten Blog ein gutes Verfahren zur Vermeidung anregen. Das kommt dann mit Handout und Anleitung!

Fehlteil 1
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